Fachgespräch zur Suchthilfe im Landkreis Cloppenburg:
Austausch über Herausforderungen, Versorgungslücken und politische Perspektiven im Landkreis Cloppenburg
Am 12. Mai 2026 lud die Stiftung St. Vincenzhaus zu einem hochkarätig besetzten Fachgespräch in ihre Fachstelle für Sucht und Suchtprävention in Cloppenburg, Emstekerstr. 15, ein.
Unter dem Titel Situation der Suchthilfe im ländlichen Raum – dargestellt am Beispiel des Landkreises Cloppenburg kamen Vertreterinnen und Vertreter aus Suchthilfe, Prävention, Politik und Versorgungssystemen zu einem gemeinsamen Frühstück und intensiven fachlichen Austausch zusammen.
Ziel der Veranstaltung war es, aktuelle Herausforderungen, Versorgungslücken und notwendige politische Handlungsansätze im Bereich der Sucht- und Drogenhilfe insbesondere im ländlichen Raum zu beleuchten.
Hochkarätige Gäste aus Politik, Medizin und Suchthilfe
Zu den Gästen zählten:
• Prof. Dr. Hendrik Streeck, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen
• Dr. Sebastian Vaske, Stiftungsvorstand und Geschäftsführer der Stiftung St. Vincenzhaus
• Frau Verena Höffmann, Leitung der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention
• Frau Dr. Lottermoser, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
• Herr Johannes Meis, Apotheker, Inhaber mehrerer Apotheken
• Frau Dr. med. Charlotte Rechenmacher, Fachärztin für Neurologie, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Vorsitzende des Qualitätszirkels Substitution im Oldenburger Land
• Herr Bernd Wessels, Geschäftsführer des St.-Marien-Hospitals Friesoythe
• Herr Dr. med. Robert Greinert, Chefarzt für Suchtmedizin am St.-Marien-Hospital Friesoythe und Facharzt für Innere Medizin
• Frau Madlen Seelhoff, Referentin beim Landes-Caritasverband für Sucht und Psychiatrie im Landkreis Cloppenburg • Herr Thomas Willen, Sozialdezernent des Landkreises Cloppenburg
• Frau Doris Hellmann, Abteilungsleitung Sozialpsychiatrischer Dienst LK CLP
• Frau Dr. Michaela Fastje, Amtsleiterin des Gesundheitsamtes LK Cloppenburg
Ein besonderer Fokus lag auf dem Besuch von Prof. Dr. Hendrik Streeck, der als Bundesdrogenbeauftragter die bundespolitische Perspektive einbrachte. Sein Besuch unterstrich die bundesweite Relevanz der diskutierten Themen und zeigte, dass die Situation vor Ort auch auf politischer Ebene große Aufmerksamkeit erfährt.
Regionale Herausforderungen im Fokus
Im Mittelpunkt des Fachgesprächs stand die zentrale Frage, wie die Region Cloppenburg den wachsenden Herausforderungen im Bereich Suchterkrankungen wirksam begegnen kann. Zwar wurde das bestehende Hilfesystem als bereichernd, kooperativ und unterstützend beschrieben, der zunehmende Fachkräftemangel sowie die wachsenden bürokratischen Anforderungen aber als zentrale Herausforderungen benannt. Diese Entwicklungen belasten die Suchthilfeeinrichtungen zunehmend und erschweren es, notwendige Angebote trotz steigender Bedarfe langfristig gerecht zu werden.
Dr. Sebastian Vaske:
„Im Jahr 2025 nahmen insgesamt 736 Personen persönlich Kontakt zu unserer Einrichtung auf.
Erfreulicherweise ist es uns auch in diesem Jahr gelungen, viele Menschen langfristig im
Hilfesystem zu halten und kontinuierlich zu begleiten. Gleichzeitig zeigt sich, wie bereits im Vorjahr, eine Zunahme von Patient:innen, die neben einer Abhängigkeitserkrankung unter zusätzlichen
psychischen Belastungen leiden“.
Verena Höffmann erläutert:
„Dazu zählen unter anderem (komplexe) posttraumatische Belastungsstörungen, Angststörungen, Depressionen sowie Persönlichkeitsstörungen, die sich teilweise unabhängig von der Suchterkrankung manifestieren. Diese komplexen Problemlagen erfordern häufig deutlich längere Behandlungszeiträume, um eine stabile und zufriedenstellende Abstinenz zu erreichen“.
Dr. Sebastian Vaske
„Die Arbeit mit diesen Patient:innen wird durch die unterschiedlichen therapeutischen Ausbildungen
im Team, den Einsatz schulübergreifender Methoden sowie langjährige berufliche Erfahrungen
unterstützt. Darüber hinaus trägt die kontinuierliche Bereitschaft zur Fort- und Weiterbildung
wesentlich dazu bei, den zusätzlichen, teils gravierenden und destruktiven Störungsbildern fachlich
angemessen zu begegnen“.
Verena Höffmann:
„Eine Zunahme verzeichneten wir bezüglich Beratungen mit Angehörigen um fast 40 %. In allen
Gesprächen wurde der enorme Leidendruck, Ängste und Sorgen beschrieben, die Angehörige von
suchtkranken Personen erleben. Die Beratungsgespräche bieten neben emotionaler Entlastung
auch Unterstützung hinsichtlich Verständnisses, Aufklärung, Abgrenzung und die eigene
Selbstfürsorge“.
Cannabis-Teillegalisierung erhöht Präventionsbedarf
Ein wichtiges Diskussionsthema war und ist die spürbare Zunahme an Präventionsanfragen, insbesondere im Zusammenhang mit der Teillegalisierung von Cannabis. Die Fachkräfte berichteten übereinstimmend von einer Verschärfung bestehender Problemlagen. Im Austausch wurden neue Präventionsstrategien und Handlungsoptionen diskutiert, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Prof. Dr. Streeck positionierte sich dabei klar kritisch gegenüber der Teillegalisierung. Er machte deutlich, dass er die aktuellen Entwicklungen mit Sorge betrachte. Die durch den Landkreis Cloppenburg zusätzlich bewilligte Vollzeitstelle (Allg. Suchtprävention) ermöglicht es dem Präventionsteam der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention den vermehrten Präventionsanfragen aus den unterschiedlichsten Bereichen zielgerichtete Maßnahmen anbieten zu können.
Gemeinsames Ziel: Suchthilfe im ländlichen Raum stärken
Der Austausch verdeutlichte, dass die Suchthilfe im ländlichen Raum weiterhin vor strukturellen Herausforderungen steht. Finanzielle Unsicherheiten, Fachkräftemangel, steigende bürokratische Anforderungen sowie wachsende gesellschaftliche Problemlagen erfordern nachhaltige Lösungen und entschlossenes politisches Handeln.
Zum Abschluss des Fachgesprächs wurde jedoch ebenso deutlich hervorgehoben, dass sich die Suchthilfe in den vergangenen 20 Jahren im Landkreis Cloppenburg bedarfsgerecht ausgeweitet und sich inhaltlich weiterentwickelt hat. Durch den Ausbau von Präventions-, Beratungs- und Behandlungsangeboten sowie durch starke regionale Netzwerke konnte eine positive Entwicklung erreicht werden.
Das gemeinsame Ziel aller Beteiligten besteht darin, bestehende Strukturen weiterzuentwickeln, Versorgungslücken zu reduzieren und die Suchthilfe im ländlichen Raum langfristig bedarfsgerecht aufzustellen.



